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Von der Dreistigkeit des Seins

(2012)

I

Es gab einmal vor langer langer Zeit die schon damals uralte Tradition einer bürokratisch stark vereinfachten Bestimmung diverser Hackordnungen innerhalb menschlicher Gemeinschaftsbiotope. (bitte kurz sacken lassen) Diese Tradition wird ganz allgemein als das Gesetz des Stärkeren bezeichnet und besagt, dass man mit ausreichend vorhandener Muskelkraft so ziemlich alles nach eigenem Gutdünken regeln kann. Dabei war es völlig egal, ob nun im Kampf um das blondeste Busenwunder unter den Dorfschönheiten, dem größten Batzen Mammutkeule vom Biobuffet oder um das komfortabelste Erdloch mit fließend Wasser und Minibar.

Die weitaus größere Anzahl der körperlich Schwächeren hatte stets das Nachsehen und führte ein Leben am Hintern der Gesellschaft. Bis auf jene seltenen Ausnahmen, wenn überdurchschnittliche Intelligenz gepaart mit an Bosheit kaum zu übertreffender Skrupellosigkeit einen Hänfling lang genug am Leben hielt. Jener malte sich meist auffällig bunt an, rauchte jede Menge gefährliche Sachen und brabbelte den ganzen lieben Tag lang total unverständliches Zeugs. Als Zauberer, Magier oder Medizinmann konnte man halt auch ganz gut leben. Hin und wieder opfert man den gerade neu erfundenen und frisch patentierten Gottheiten ein paar Beischlaf-unwillige Emanzen und versetzt das leichtgläubige Habitat so in einen immerwährenden Angstzustand. Aber wie schon erwähnt, handelte es sich hierbei um ganz seltene, schmalschultrige Ausnahmen, welche bestenfalls dann als „Breit“ zu bezeichnen waren, wenn sie versehentlich die falschen Kräuter durch die Pfeife atmeten. Und spätestens dann liefen auch sie Gefahr, Opfer einer gewaltsamen Konfrontation mit einem Fleischberg zu werden.

Springen wir mal in die Gegenwart. Die Evolution hat inzwischen ganze Arbeit geliefert. Gewaltsame Zusammenstöße von hirnlosen Muskelpaketen mit verschmitzt grinsenden und abgemagerten Intelligenzbestien sind heute verdammt selten geworden. Ausnahmen: Kirmes, Oktoberfest oder Boxen bei RTL. Der muskelbepackte Hüne hat halt kaum noch etwas zu melden in unserer großartigen Gewaltfreiheit.

Inzwischen gibt es einen neuen Mitspieler im Kampf um Macht, Macht und verdammt viel Lebensfreude. Genau genommen, manifestiert sich das ganze in drei simple Worte: Das Gesetz des Dreisteren! Und so schaut's dann aus: Drängle Dich geschickt vor, achte stets darauf, nie zu kurz zu kommen und kümmere Dich niemals um das Elend anderer! Ja, so in etwa funktioniert es. War das jetzt etwas Neues? Nein, ich glaube nicht.

Was aber passiert, wenn unbändige Muskelkraft auf abgebrühte Dreistigkeit trifft und allen Beteiligten so etwas wie Anstand völlig unbekannt ist?

Neulich auf irgendeiner mit tausenden Fussballfans vollgestopften Autobahn, in der Nähe (m)einer total verstopften Ausfahrt erlebte ich eine Geschichte, welche mich zu diesem Text hier motivierte. Ich stand dort zu einer wahrlich fortgeschrittenen Uhrzeit geduldig (oder auch nicht) in der endlosen Schlange Abfahrtwilliger und wartete darauf, dass sich etwas tut. Und es tat sich dann auch etwas, irgendwann, nach einer schier endlosen Zeit. Der Wagen vor mir ruckelte los, ich legte den Gang ein, will aufschließen und BAMM! Da passiert's… Irgend ein Spinner auf der Überholspur lauerte längst auf diese sich ihm bietende Lücke. Ohne Rücksicht auf Verluste kracht er hinein und ich hatte das Nachsehen. Verfluchter Drecksack! Am liebsten wäre ich ausgestiegen und naja… Der Frust war immens…

Tja, Leute, sehen wir der Tatsache ins Auge: Die Gewinnertypen unserer Zeit stellen die wahrhaftig Dreisten dar. Jene, deren perverse Skrupellosigkeit ganze Hollywood-Drehbücher füllen könnte und deren unverfrorene Frechheit nur noch vom eigenen, völlig übersteigerten Selbstbewusstsein übertroffen wird. Ihre Macht baut sich auf Mitschwimmer, Ja-Sager und gesichtslose Trottel auf, von denen unsere Gesellschaft wahrlich gesegnet ist.

Und noch eine Eigenart zeichnet jene Sorte Mensch aus: dreiste Personen haben einen ungeheuren Drang zur Selbstdarstellung, welcher selbst der irdischen Schwerkraft trotzt. Sie stehen ständig über den Dingen und in Sachen Ego sind sie definitiv unschlagbar. Kurz – dreiste Leute sind die geborenen Diktatoren der Zukunft.

Und da ich als Schreiberling sozusagen ein Gott des getexteten Wortes bin und mit meinen krummen Fingern diese Geschichte so forme wie ich es mir gefällt, ist hoffentlich klar, dass diese Drecksäcke nie und nimmer damit durchkommen werden. Macht euch auf ein gnadenloses Ende gefasst.

II

Begeben wir uns also auf die Straßen dieser Republik und betrachten mit Argusaugen ganz besonders jene, welche Regeln und Gesetzlichkeiten des Straßenverkehrs mild lächelnd über den Haufen werfen. Sie ignorieren jede Form der Ordnung und tun wonach ihnen auch immer der Sinn steht. Freie Fahrt für freie Bundesbürger und totale Vorfahrt an allen Kreuzungen, Autobahnen und Beschleunigungsspuren. Im Extremfall rettet die Rücksichtnahme lebensmüder Normalbürger den hochwohlgeborenen Hintern. In Gras beißen die Anderen, so ist halt der Lauf der Dinge!

Lars S., seines Zeichens Oberfeldwebel der Bundeswehr, ist auf dem Weg nach Hause. Er ist übermüdet, genervt und verdammt hungrig. Daheim warten Steaks, Bier und Rambo 1-3 auf DVD. Alternativ könnte er auch im örtlichen Fitnesscenter ein paar Hanteln biegen. Ein perfekter Abend kündigt sich also an. Und der ist nach dem Stress der letzten Tage dringend notwendig. Doch zuvor muss er irgendwie durch diesen verdammten Feierabendverkehr kommen. Noch ein paar Kilometer bis zu seiner Autobahnausfahrt, dann noch ein paar Ampeln und der angenehme Teil des Feierabends könnte beginnen. Doch im Moment stockt der Verkehr auf seiner Spur. Nein, nicht schon wieder, denkt er sich und passt sein Tempo dem vor ihm fahrenden Mercedes an. Als der immer langsamer wird, flucht der Soldat ein paar unverständliche Laute, dreht das Autoradio lauter und überholt sichtlich gereizt.

Blicken wir ein paar Jahre zurück. Sein kräftiger Körperbau brachte ihn während seiner Kindheit mit Leichtigkeit an jedes Ziel seiner Träume. Bis weit in die Jugend verspürte er eine unbändige Kraft in sich und nichts schien unmöglich zu sein. Die Mädels standen Schlange, er bekam bei jedem Streit Recht und hatte verdammt viele Freunde. Seit einigen Jahren ist es damit vorbei. Sein durchschnittlicher Intellekt lässt ihn zu oft ohnmächtig erbleichen, wenn ausgerechnet die Jammerlappen seiner Kindheit heute auf ihn herab blicken. Dem einen oder anderen hätte er am liebsten gerne mal diese überhebliche Intelligenz heraus geprügelt. Verärgert wischt er die Gedanken beiseite und konzentriert sich wieder auf den Verkehr.

Endlich ist eine verdammte Baustelle, nämlich der Grund für das neuerliche Stop-and-go, geschafft. Das Tempolimit erlaubt wieder größere Freiheiten und Lars ist gern bereit, diese in allen Zügen auszukosten - jedenfalls in den Möglichkeiten eines alterschwachen Renault Twingo. Noch blockiert ein klappriger Opel Kadett die linke Fahrbahn und denkt nicht daran, die Spur der unbegrenzten Möglichkeiten für den nachfolgenden Verkehr zu räumen. Lars schlägt wütend aufs Lenkrad und flucht unablässig.

Dann, endlich! Ohne zu blinken zieht der Opelfahrer auf die rechte Spur hinüber. Lars tritt aufs Gas und langsam, wirklich, ganz langsam beschleunigt der Twingo. Viel zu langsam, wenn man der Argumentation eines fetten Benz folgt, welcher mit äußerst zittrigen Fingern die Lichthupe bedient und das Wort Sicherheitsabstand bestenfalls aus der Sauna kennt.

„Ich mach ja schon, Du Arsch“ flucht Lars. Er ist wütend auf den Benz, er ist wütend auf den Opel und am meisten ist er wütend auf den Twingo, der lahmen Karre seiner ständig nervenden Freundin. Endlich ist er am Opel vorbei. Er setzt den Blinker und reiht sich ein in eine unendlich lange Schlange müder Loser, welche mit Tempo 100 dem Feierabend entgegen fahren. Fünfzehn Minuten später steht er nur noch wenige hundert Meter von der finalen Autobahnausfahrt entfernt im Stau.

Florian von B. liebt seinen Porsche, das Leben auf der Überholspur und genießt den Nervenkitzel, der sich ihm in vielen Situationen stets und ständig bietet. Das Glück hat er seit Jahren gepachtet. Oh nein, er ist sogar der Meinung, dass er es genau so verdient hat. Er, das ehemals so verspottete schmächtige Muttersöhnchen, ist nun endlich dran am Speck.

Der letzte Kilometer bis zur Abfahrt wird auf einem Schild angekündigt. Florian von B. registriert am Rande das sich bildende Stopp & Go auf der äußerst rechten Spur. „Verdammte Trottel“ brabbelt er sich in den schmalen Oberlippenbart. Er verschwendet keinen Gedanken daran, sich mit dem Porsche in die sich bildende Schlange einzureihen. „Zeit ist Geld meine Herren!“ Nun noch achthundert Meter. siebenhundert, sechshundert, fünfhundert…

Die Autoschlage staut sich auf dem schmalen Fahrstreifen der Ausfahrt. Irgendwie ist das jeden tag so und die meisten Pendler fügen sich diesem Schicksal. Im Schritttempo rollen die Fahrzeuge kurz an und stehen danach treudoof geparkt im Glanze eines dahinscheidenden Nachmittags. Florian von denkt noch immer nicht an ein Einordnen und rollt auf der leeren Spur direkt neben der Abfahrtsspur an den stehenden Fahrzeugen vorbei. Dreihundert Meter, zweihundert, hundert, die Ausfahrt naht, der Nervenkitzel steigt.

Und tatsächlich, wie bestellt tut sich doch direkt vor ihm eine kleine Lücke auf. Ein Mazda rollt einige Meter vorwärts und der knallgelbe Renault Twingo dahinter verpasst es, die Lücke wieder zu schließen. Nun sieht Florian von B. seine Chance gekommen,. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben - oder ich“ säuselt er glücklich und lenkt den Porsche ohne Rücksicht auf Verluste zwischen die Autos. „Passt wie die Faust aufs Auge!“ freut er sich und hat keine Ahnung, wie nahe er damit der Wahrheit gekommen war.

III

Der Fahrer des gelben Twingo tritt scharf auf die Bremse und verfehlt die Stoßstange des Porsches nur knapp. „Was ist denn das für ein Penner?“ schimpft Lars S. kopfschüttelnd und betätigt dabei fuchsteufelswild die Lichthupe. Der Fahrer des Porsche blickt unglaublich gelassen in den Rückspiegel und zeigt dem wütenden Schmitz damit unmissverständlich, wer hier der Herr der Situation ist. Sein aus dem Fenster hängender Arm hebt sich lässig und ein ausgestreckter Mittelfinger verleiht seiner Arroganz einen ganz besonderen Ausdruck. Das bringt den wütenden Lars Schmitz völlig auf die Palme. „Du verdammter Proll! Elendes Arschloch! Warte…“

Oberfeldwebel Lars S. schlägt mit beiden Händen kräftig aufs Lenkrad. Sein Blutdruck erreicht rekordverdächtige Werte. Nur eine spontane, den Frust abbauende Aktion kann dem Platzen sämtlicher Blutgefäße noch rechtzeitig Einhalt zu gewähren. Wütend und mit Kraftausdrücken nur so um sich werfend springt er aus seinen stehenden Wagen und stürmt mit wenigen Schritten zur Fahrertür des vor ihm stehenden Porsche. Werte Damen und Herren, es ist an der Zeit, mit unbändiger Kraft die unarmherzige Hackordnung dieser Gesellschaft gerade zu biegen.

Die plötzlich neben seinem Porsche stehende Person überrascht Florian von B auf dem falschen Fuß. Ihm, der stets eine gesunde Distanz zu diesen hirnlosen Pissern wahrt, behagt die Nähe des ungebildeten Neandertalers überhaupt nicht. Er legt einen Gang ein, sein Fuß streichelt das Gaspedal und blitzartig registriert er, dass er eigentlich gut eingekeilt im Stau steht. Schon allein der Gedanke an Flucht erscheint lächerlich. Panik kocht in ihm hoch. Und dann geht alles recht schnell.

Der wütende Oberfeldwebel greift ohne zu lang überlegen durch die offene Seitenscheibe und zerrt den nach Luft japsenden Florian von B. beinahe durch das offene Fenster. Ein durchaus Erfolg versprechender Versuch, wären da nicht diverse Sicherheitsgurte, die genau dies verhindern. Der Bedrängte brüllt ein paar unverständliche Schimpfworte, Speichelfetzen fliegen durch den Innenraum und als der Bedrängte dem Soldaten auch noch in den Arm beisst, bringt das den Wüterich völlig aus der Fassung.

Dessen linke Faust findet ansatzlos ihr Ziel und verformt gewaltsam und mühelos die Nase des Porschefahrers. Es knirscht vernehmbar und ein wie aus dem Nichts kommender Strom Blut ergießt sich aus der Ruine einer ehemals schnörkellosen Nase. Florian von B. verliert in diesem Augenblick ein paar verzweifelte Gedanken an seine teuren Jeans und die megageilen Ledersitze des Porsche. Hoffentlich landen keine Blutspritzer darauf, denn das wäre eine gewaltige Schande. Als nächstes stellt sein übermächtiges Ego erschüttert fest, dass selbst die arroganteste Dreistigkeit in einer Welt aus Schmerzen verdammt machtlos ist. Und dann endlich wird es dunkel um ihn herum.

IV

Zweitausend Meter hinter ihnen erwacht just in diesem Moment der Berufskraftfahrer Detlef I. aus seinem wohlverdienten Mittagsschlaf - hinter dem Lenkrad eines mit Salzsäure beladenen Gefahrguttransporters. Die Pommes vom Rastplatz eben liegen schwer im Magen und dieses Sättigungsgefühl bewirkt zu dieser nachmittäglichen Stunde eine unglaubliche Bettschwere. Und Rick Astor sorgt auch nicht für erhöhte Aufmerksamkeit.

Doch dann schreckt er gewaltig hoch. War nicht eben noch die Fahrbahn halbwegs leer gewesen? Panikartig registriert er, dass er in Kürze mit voller Geschwindigkeit auf das Ende eines Staus treffen wird. Was tun? Bremsen? Genau! Er tritt mit Wucht auf die Bremse und beginnt zu allen ihm bekannten Göttern zu beten.

Beten hilft in diesem Fall natürlich wenig. (Besonders dann nicht, wenn der Schreiberling seine Finger im Spiel hat) Wenn es überhaupt eine anbetungswürdige höhere Macht gibt, welche Notiz von diesem Vorfall nimmt - nie und nimmer würde sie sich die Mühe machen und hier eingreifen. Wahrscheinlicher ist es, dass sich jenes überirdische Wesen, mit Cola und Popcorn bewaffnet, die ganze Show aus einer sicheren Deckung heraus anschaut. Und langsam strebt die Situation auf der Autobahn nun ihrem absoluten Höhepunkt entgegen.

Zum Glück verlagert sich der Stau bereits auf die Abfahrtsspur, so dass nur noch einige wenige Fahrzeuge, intensiv nach einer Lücke suchend, die fatale linke Fahrbahn nutzen. Eine deutsche Rostlaube schließlich ereilt das Schicksal dem heranbrausenden Transporter am Nächsten zu sein. Der Lastzug kracht mit hoher Geschwindigkeit in den altersschwachen Mercedes und verkeilt diesen untrennbar unter der Fahrerkabine. Zwei weitere Fahrzeuge haben mehr Glück und werden, zwar schwer demoliert, auf den Grünstreifen neben der Mittelleitplanke katapultiert. Der Benz hingegen setzt als zusätzliche Knautschzone eines rollenden Ungeheuers die Reise auf der Autobahn fort. Und noch während der Tanklaster mit brüllenden Bremsen den kreischenden Benz vor sich herschiebend allmählich zu Stillstand kommt, neigt sich dessen ausgesprochen interessante Landung langsam aber dramatisch zur Seite.

Wenige Sekunden zuvor und keine dreihundert Meter dahinter: Alfons M., der überaus cholerische Chef einer ortsansässigen LBS-Filiale, sitzt höllisch genervt in seinem frisch erworbenen 5er BMW. Die Luft im Auto ist stickig und stinkt nach Zigarrenrauch. Auf den Gedanken, die Seitenscheibe herunter zu fahren und zu lüften, ist Alfons M. bislang nicht gekommen. Im Radio quäkt irgendeine Schlagertussi etwas von Liebe, doch das seichte Geplärre prallt momentan ungehört am Fahrer des BMW ab. Irgendwie tut sich nichts vor ihm und das nervt ihn gewaltig. Dabei hat er doch Termine! Verdammt wichtige Termine! Er verflucht die elenden Stauverursacher, wer immer auch für dieses Chaos verantwortlich sei. Vierteilen sollte man ihn! Wahrscheinlich sind es irgendwelche ausländischen Gastarbeiter auf irgendeiner wilden Baustelle, die mit den Anweisungen ihres inkompetenten Vorarbeiters nichts anfangen können.

Alfons' Geduld ist erschöpft. Es ist zu warm, zu stickig, zu eng. Er muss hier raus. Sofort!Verschwitzt krallt er seine großen Hände ins Lenkrad und starrt verdrossen durch die Frontscheibe. Vielleicht sollte er zur nächsten Ausfahrt fahren, denkt sich Alfons M. Das wäre zwar ein gehöriger Umweg, aber wer weiß, wie lange er noch hier feststeckt? Vielleicht käme er zum zweiten Termin halbwegs pünktlich? Nun, das ist an und für sich auch gar keine schlechte Idee, denn auf den folgenden etwa zehn Kilometern staut sich momentan tatsächlich kein Verkehr. Doch das kann Alfons eigentlich gar nicht wissen und gleich vorneweg, er wird es auch niemals erfahren.

Er legt den ersten Gang ein, gibt ein wenig Gas und … ein Ruck geht durchs Fahrzeug. Dann steht es wieder still. Abgewürgt? Alfons mag es gar nicht glauben. Verdammte Gangschaltung! Wutschnaubend lässt er den Motor erneut an, gibt Vollgas und schert dann mit seinem Wagen aus der Schlange aus. Und all das mit der eindeutigen Absicht, die übernächste Ausfahrt für den Heimweg zu nutzen.

Haarscharf schießt in diesem Moment irgendein ein Transporter an ihm vorbei. Verdammt! Wo kam der denn her? Erschrocken blickt sich Alfons M. über die linke Schulter. Sein Herz rast wild, vom Schreck gepeinigt wagt er kaum aufs Gas zu treten. Mühsam versucht er seinen Puls zu beruhigen. Sein Wagen rollt langsam los und überholt im Schritttempo einen Toyota mit offener Seitenscheibe. Alfons schaut triumphierend hinüber. Der Fahrer des Toyota brüllt ihm etwas Unverständliches entgegen und zeigt ihm einen Vogel. „Was willst Du denn, Du W…!“ brüllt Alfons M. Herrisch zurück und gibt dann ordentlich Gas. Sein Blut kocht sofort wieder hoch. Der Wagen schießt vor und noch während einer mächtigen Beschleunigungsphase sieht der LBS-Filialleiter den havarierten Gefahrguttransporter vor sich. „Verdammt, was ist das?“ entfährt es seinem Mund.

Etwas helles blitzt vor ihm auf, dieses Irgendwas scheint auf der Fahrbahn kurz zu hüpfen und kurz darauf bohrt sich ein herrenloses Nummernschild scheppern in die Frontscheibe des BMW. Das war zuviel für das Leid geplagte Herz von Alfons M. Ein stechender Schmerz durchbohrt seine Brust. Die Welt wird schwarz um ihn herum, dann sackt Alfons M. in sich zusammen. Sein Fuß drückt das Gaspedal noch etwas weiter durch und der BMW beschleunigt auf Torpedogeschwindigkeit.

V

Hätte nicht ein hinterlistiger Herzinfarkt Alfons M. ausgerechnet jetzt aus dem Leben gerissen, dann hätte er vielleicht das verblüffte „Boah“ aus dem Munde vom Soldaten Lars Schmitz vernommen. Dieser starrt fasziniert nämlich auf das sich geräuschvoll nähernde Metallungetüm. Laut schreiend schiebt sich der Stahl auf dem Autobahnbelang Meter um Meter nach vorn. Und als Lars meint, das Kreischen des vergewaltigten schwäbischen Schrotthaufens unter dem Transporter nicht mehr ertragen zu können, kommt der gewaltige Blechberg tatsächlich zum Stehen. Direkt vor ihm.

Das Kreischen, Brüllen und Schaben verstummt. Die plötzliche Ruhe wirkt einen winzigen Moment etwas trügerisch. Ein paar Glassplitter rieseln leise zu Boden. Doch aus dem Hintergrund nähert sich das Geräusch eines im Vollgas fahrenden BMW. Lars staunt über den todesmutigen BMW, der gerade im Begriff steht sich auf einem riesigen Schrotthaufen zu stürzen. Das Heck des mit Salzsäure beladenen und bereits schwer havarierten Gefahrguttransporters beendet schließlich sämtliche Beschleunigungswünsche des quasi führerlosen und funkelnagelneuen 5er BMWs.

Und genau diesen kleinen Tropfen benötigte das Fass zum Überlaufen. Die göttliche Erscheinung nimmt sich eine noch schnell eine Handvoll Popkorn und sieht dann, wie ein völlig aus der Waage gekommenes Schwergewicht in Form eines Gefahrgutbehälters für ein Ende aller Vermutungen über möglicherweise vorhandene Hackordnungen auf der Autobahn sorgt. Eh schon extrem zur Seite geneigt, legt sich der Tanklastzug nun laut krachend auf die Seite. Diesem beinahe eindrucksvollen Geräusch folgt der wenig spektakuläre Lärm berstenden Leichtmetalls, verbunden mit dem Entstehen mehrerer sehenswerter Fontänen, welche die Fahrbahn auf einer Länge von gut zwanzig Metern mit hochkonzentrierter Salzsäure bedecken.

Das unnatürliche Zischen dieses relativ ungewöhnlichen Regens bei Feindkontakt ist derart apokalyptisch laut, dass sämtliche Schmerzenslaute unfreiwillig Beteiligter übertönt werden. Selbst die vom über dem Lenkrad zusammengebrochenen Florian von B. ausgelöste Hupe des Porsches bildet bestenfalls ein Hintergrundgeräusch in dieser vollkommenen Symphonie unbändig entfesselter Chemie. Die Säure arbeitet gründlich und die sich nun abspielenden Szenen zwischen dem knallgelben Twingo, Porsche und BMW scheinen einem Horrorfilm entnommen zu sein. Selbst dem Betrachter der Szenerie dürfte die Brutalität des Moments arg übertrieben und somit unwirklich zu erscheinen. Nach der unendlich langen Zeit von wenigen Millisekunden begriff dann auch der letzte bislang Unbeteiligte, dass er verdammt nochmal das Weite suchen sollte, bevor auch er ein Opfer dieser tutiefst übersäuerten Situation wird.

VI

Außerhalb der Reichweite des Salzsäureregens bricht nun endlich mit etwas Verspätung die Panik aus, welche ein solches Ereignis in unserem Kulturkreis für gewöhnlich auslöst. Alles läuft durcheinander, Frauen kreischen hysterisch und zerren Kinder hinter sich her. Männer rennen panisch querfeldein davon. Einige verwegene Fahrzeugführer verursachen beim Versuch, rückwärts den Schauplatz zu verlassen, jede Menge Blechschäden und geben dann resigniert auf. Jugendliche stehen fasziniert herum und filmen das Chaos mit dem Smartphone. Kurz darauf registriert Youtube Rekord-Clicks für „Krassa Crash mit voll fettem BMW inne Fuseltonne“. Ein amerikanischer Pickup wendet angesichts des brodelnden Chaos auf der Autobahn und verschwindet mit quietschenden Reifen. Der Pickup-Fahrer geht wenig später als völlig verwirrter Geisterfahrer in eine ganz andere Geschichte des allabendlichen Feierabendverkehrs ein.

Als sich Minuten später der Rauch verzieht, wird das ganze Ausmaß dieser mittelschweren Autobahnkatastrophe deutlich. Auf eine Länge von ein paar Dutzenden Metern hatte ein arg säurelastiges Sodom und Gomorrha gewütet und eine recht beeindruckende Lücke in den real existierenden Feierabendstau gestanzt. Die Säure sorgte für ziemlich klare Verhältnisse zwischen den verdampfenden Leitplanken. Alles was sich nicht einer gewissen Unabhängigkeit gegenüber chemische Reaktionen erfreute, litt unter äußerst konsequenten Auflösungserscheinungen bis hin zur völligen (philosophisch höchst umstrittenen) Nichtexistenz.

Zwischen einigen wenigen verbliebenen Metallgerippen steigt vereinzelt Dampf vom blanken Asphalt auf. Hier und da folgt ein Stück losgelöstes Metall scheppernd der irdischen Schwerkraft. Von den ursprünglichen Helden dieser Geschichte fehlt allerdings jede Spur. Das spart der später eintreffenden Autobahnpolizei viel Kreide für die obligatorischen Asphaltgraffities und vermiest so manchem Gaffer auf der gegenüberliegenden Fahrbahn den Tag. Schließlich gibt’s nichts zu sehen. Rein gar nichts. Tja, es ist schon verdammt dreist vom Schreiberling hier einfach Schluss zu machen! Aber worüber soll ich noch schreiben?

Die Moral von der Geschichte? Der verdammten Dreistigkeit mancher Verkehrsteilnehmer werden meist stets die Falschen zum Opfer fallen. Sich darüber zu beklagen bringt in der Regel nichts. Nehmt es hin und wartet geduldig auf die Chance, es irgendwann den Pennern heim zu zahlen. Es sei denn, ihr verfügt über ein gehöriges Potential an Muskelkraft und regelt intellektuell anmutende Zwistigkeiten unverzüglich an Ort und Stelle. Kurz und schmerzvoll! Und… es empfiehlt sich auf jeden Fall bei längeren Reisen mit dem Auto einen Säureschutzanzug stets griffbereit dabei zu haben.

user/ewusch/dreistigseindesseins.txt · Zuletzt geändert: von ewusch